Versicherungsschutz darf kein Luxusgut werden - Der Bedarf an Orientierung & Altersvorsorge wächst

Shownotes

In dieser Folge spricht Paul Stein, Vorstand für Vertrieb und Personalentwicklung bei der Debeka, über die tatsächlichen Veränderungen in der Versicherungsbranche – jenseits von Schlagworten und Zukunftshype.

Themen der Episode

  • Warum die Komplexität in der Versicherungswelt weiter zunimmt
  • Weshalb der Bedarf an Orientierung für Kundinnen und Kunden stark wächst
  • Warum persönliche Beratung nicht verschwindet, sondern eine neue Rolle einnimmt
  • Wie sich der Versicherungsvertrieb von der reinen Produktlogik löst
  • Warum hybride Vertriebsmodelle (digital & persönlich) längst Realität sind
  • Wie sich das Rollenbild des Vermittlers hin zu einem „Financial Assistant“ verändert
  • Welche Bedeutung Demografie und Altersvorsorge für die Branche haben
  • Warum Altersvorsorge kein freiwilliges Konsumprodukt ist
  • Welche Verantwortung Versicherer und Vermittler bei Erklärung und Begleitung tragen

Zentrale Aussagen aus dem Gespräch

  • „Der Bedarf an Orientierung wird stark zunehmen.“
  • „Der Versicherungsvertrieb wird die Rolle des persönlichen Ansprechpartners behalten.“
  • „Wir müssen weg von der reinen Produktlogik.“
  • „Im Jahr 2036 werden rund 30 Prozent der Erwerbstätigen im Ruhestand sein.“
  • „Kein Mensch wird morgens wach und sagt: Heute gönne ich mir mal eine Altersvorsorge.“

Für wen ist diese Folge besonders relevant?

  • Versicherungsvermittlerinnen und -vermittler
  • Führungskräfte in Versicherungsunternehmen
  • Produkt- und Vertriebsverantwortliche
  • Alle, die sich mit Altersvorsorge, Beratung und Zukunft des Vertriebs beschäftigen

Transkript anzeigen

Die Versicherungsbranche in 2030 Tagen - Interview - Debeka - Paul Stein

[Paul Stein]

Aber es ist ja auch wirklich nicht so, dass in der etablierten Versicherungswirtschaft in den Vorständen und in den verantwortlichen Abteilungen nur Leute von gestern sitzen. Ich finde das ja auch so spannend, dass man sagt, wenn Amazon zukünftig Versicherungen verkauft, was sagen Sie da, Herr Stein? Oder was ist, wenn Google auf die Märkte drängt?

Da tut man ja immer gerade so, als ob dort vom Grunde her das Thema neu erfunden werden würde. Das können die ja tun. Ich unterstelle da ja auch keine mangelnde Innovationskraft.

Aber ich weiß auch, was in Deutschland und vor allem in Europa an regulatorischen Vorgaben für die deutsche Versicherungsindustrie Gültigkeit haben. Aber es wird vielleicht so einen anderen Typ Menschen geben von der Entwicklung her. Vielleicht so ein Financial Assistant, der vom Grunde her wirklich auch noch stärker und auch in einer globaleren Sichtweise die Menschen an die Hand nimmt.

[MarKo Petersohn]

Wie sieht die Versicherungsbranche am 3. Februar 2030 aus? Diese Frage stellten wir 2022 der Branche und uns erreichten eine Viertel an Antworten.

Außerdem sprach ich darüber unter anderem mit Verantwortlichen bei Google, Meta und IBM und dazu noch mit Zukunftsforschern, Professoren und verschiedensten Experten. Woraus am Ende die Podcast Trilogie Wie sieht die Versicherungsbranche in 2030 aus? entstanden ist.

Sie finden sie unter www.versicherungsbude.de. Mittlerweile spreche ich mit Vorständen und Entscheidungen der Branche ebenso wie die Zukunft. Allerdings wird 2030 immer näher und um Fairness in den Prognosen zu halten, lautet die Frage nun Wie schaut die Versicherungsbranche in 2030 Tagen aus? Und darüber spreche ich heute mit Paul Stein, Vorstand für Vertrieb und Personalentwicklung bei der DBK.

Hallo Herr Stein, schön, dass Sie da sind und Zeit für unser Gespräch haben. Ja hallo, freue mich. Als erstes meine ich bitte, stellen Sie sich selbst mal ganz kurz vor.

Da sind Sie, was machen Sie, seit wann sind Sie in der Branche?

[Paul Stein]

Ja, also Herr Peterson, ich bin schon ziemlich lange in der Branche. Ich bin seit 1988 in der Versicherungsbranche und das beim selben Unternehmen DBK. Ich bin noch, ja bald hat sich das geändert, 58 Jahre alt und ich bin bei uns im Haus für die Bereiche im Vorstand, für die Bereiche Vertrieb, Marketing, Aus- und Weiterbildung und auch für den Bereich Service und Servicetelefonie zuständig.

[MarKo Petersohn]

Wunderbar, 1988. Da haben Sie ja schon einiges erlebt und können zurückblicken und deswegen auch, glaube ich, ein bisschen fundierter in die Zukunft blicken. Und wir nehmen das Gespräch heute am 17.

November 2025 auf und meine erste Frage ist deswegen vollkommen einfach, wie sieht die Versicherungsbranche in 2030 Tagen, also am Montag, den 9. Juni 2031 aus?

[Paul Stein]

Ja, das ist eine wirklich spannende Frage. Ich denke, sie wird auf jeden Fall noch existieren, die Versicherungsbranche, aber sie wird sich hoffentlich auch ein Stück weit verändert haben und angepasst haben, denn wir alle sehen die disruptiven Entwicklungen, die sich um uns herum auch ihren Einfluss entwickeln auf unser Geschäftsmodell und ich glaube, es wird so sein, dass der Bedarf an Versicherungsschutz ungebremst groß ist, wenn gleich auch Einflussfaktoren wie KI und so weiter ihre Wirkungen entwickeln werden.

[MarKo Petersohn]

Was glauben Sie denn, weil die Versicherungsbranche, sage ich immer, findet ja nicht im luftleeren Raum statt. Wir haben jetzt gerade schon geklärt, die wird es noch geben. 2031, was Gutes für alle Beteiligten.

Aber was glauben Sie, wie sieht denn die Welt 2031 aus? Mal so allgemein.

[Paul Stein]

Naja, die Welt, die Welt wird hoffentlich ein Stück besser sein, als sie heute sich uns zeigt. Aber ich glaube schon, dass es vom Grunde her eine Welt sein wird, die stark geprägt ist von Megathemen wie Globalisierung nach wie vor. Das Thema Kommunikation und auch, ich sage jetzt mal, Gamification im Umgang mit IT und so weiter wird zunehmen.

Wir werden veränderte Städte sehen, wir werden veränderte Wohnräume sehen. Davon bin ich überzeugt. Und wir werden eine starke Zunahme und auch gleichzeitig eine starke Abhängigkeit von Prozessen, online basierten Prozessen haben.

[MarKo Petersohn]

Wir haben gerade schon gehört, es wird die Kommunikation sich ein bisschen verändern. Sie sagen auch gerade Online-Prozesse. Wie wird denn der Versicherungsvertrieb 2031 sein?

So im Vergleich zu heute.

[Paul Stein]

Naja, der Versicherungsvertrieb wird vom Grunde her, glaube ich, die wichtige Rolle des persönlichen Ansprechpartners behalten. Das wird aber auch sehr stark von der jeweiligen Zielgruppe abhängig sein. Ich glaube, zu identifizieren zu können, dass wir in der Zukunft noch stärker den nachhaltig agierenden Vermittler sehen werden, den Ansprechpartner sehen werden.

Wir werden in der Zukunft noch stärker sehen, den beratenden Vermittler, der vielleicht an der einen oder anderen Stelle noch stärker den Entscheidungsprozess in der sich dann bietenden Vielfalt auch zu beeinflussen im Sinne des Kunden. Und wir werden vielleicht weniger sehen, dass es Vermittler geben wird, die rein abschlussorientiert und provisionsorientiert sein, unterwegs sein werden.

[MarKo Petersohn]

Aber Sie sagen schon, es wird auf jeden Fall noch Vermittler geben. Also nicht diese, es gibt ja durch die Dystophobie, dass halt irgendwann alles nur noch automatisch gemacht wird, alle Leute automatisch online aktiv sind und man gar keine Vermittler mehr braucht. Das glaube ich nicht.

[Paul Stein]

Das glaube ich nicht. Aber es wird vielleicht so einen anderen Typ Menschen geben von der Entwicklung her. Vielleicht so einen Financial Assistant, der vom Grunde her wirklich auch noch stärker und auch in einer globaleren Sichtweise die Menschen an die Hand nimmt, weil die Anbieterschar wird größer werden, auch durch das Web größer werden und dadurch wird der Bedarf an Orientierung stark zunehmen.

Und ich glaube, dass diese Aufgabe des persönlichen Lotsen in Finanz- und Versicherungsfragen der Vermittler sehr gut übernehmen kann.

[MarKo Petersohn]

Sie sind ja auch für Personalentwicklung mit Vorstand. Tun Sie da jetzt schon in der Richtung, irgendwie gibt es irgendwelche Veränderungen, die ja genau auf das Einzahlen vielleicht ein bisschen, sucht man eine andere Art von Berater irgendwie?

[Paul Stein]

Nein, ich glaube, es wäre falsch, wenn man jetzt so einen harten Schnitt sehen würde. Aber wir reden ja auch über Entwicklungsprozesse und natürlich wir haben eine hauseigene Akademie, in der wir unsere kompletten Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen auch abbilden. Für die bin ich auch verantwortlich.

Wir investieren sehr viel Geld in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbesondere im Vertrieb. Das sind bei uns über 8.000. Wir sind da sehr professionell unterwegs. In den Auswahlprozessen und im Recruiting spielt natürlich das Aufgabenprofil eine ganz, ganz wichtige Rolle.

Also ich kann mir durchaus vorstellen, dass ich natürlich auch in unserem Hause die Aus- und Weiterbildung an den zukünftigen neuen Aufgaben orientieren muss.

[MarKo Petersohn]

Das glaube ich auch. Gibt es schon neue Aufgaben als Financial Assistant? Wir reden von Menschen als Financial Assistant, nicht von diesen KI-Assistenten, oder?

Oder arbeiten wir zusammen mit denen?

[Paul Stein]

Das ist ja eine spannende Frage. Ich habe schon vor vielen, oder sagen wir mal vor wenigen Jahren, schon darauf hingewiesen, dass ich ein großer Verfechter von hybriden Vertriebsstrategien bin. Ich habe es für falsch gehalten, dass einige Leute sehr an ihren althergebrachten Strukturen geklammert haben, sondern ich habe gesagt, wir werden uns an den Menschen orientieren müssen.

Und heute haben wir eine hybride Vertriebswelt und wir haben natürlich eine sehr, sehr starke Vermittlerorganisation im Angestelltenverhältnis, zum Beispiel bei uns. Und wir haben auch starke Vermittlerorganisationen im Markt, im Wettbewerb. Aber wir haben natürlich auch den Verbraucher, den Kunden, den Interessenten, der sowohl im Web unterwegs ist, der sowohl sich auf Vergleichsplattformen begibt, der auch sich zunehmend stärker über KI-gesteuerte Tools beraten lässt und in Auswahlprozessen eine Vielfalt von Möglichkeiten hat.

Und deshalb müssen wir uns bei all dem, was wir für die Zukunft auf den Weg bringen, wirklich vom Gedankengut hybrid aufstellen, damit wir in Gänze natürlich auch qualitativ die richtige Beratungsleistung erbringen können.

[MarKo Petersohn]

Wie sieht denn in Zukunft, der potenzielle Kunde, der tut auch online recherchieren mit KI, Social Media, guckt sich Videos an und so weiter und so fort, Beratung gibt es aber auch. Wie sieht denn so das normale Kundenerlebnis aus? Was glauben Sie so 2031?

[Paul Stein]

Das kommt auf die Zielgruppe an, aber ich denke, dass es so wohl möglich ist, dass jemand irgendwo mobil unterwegs ist und spontan die Eingebung bekommt, um über seinen Versicherungsschutz nachzudenken und ein Sprachmodul bedient und sagt, hey KI, ich bin bei XY mit meinem Fahrzeug versichert. Wie siehst du das? Soll ich da bleiben oder gibt es günstigere Alternativen?

Das mag sein. Es mag auch sein, dass so etwas gesteuert wird über online basierte Maklerplattformen, die beispielsweise auch Check24 bedienen, Verivox und wie andere Vergleichsplattformen heißen, die dann auch die entsprechenden Antragsstrecken vorhalten können. Also das heißt, das ist jetzt ein bisschen versicherungsdeutsch, aber die vom Grunde her auch ermöglichen, dass sofort der Vertragsabschluss erfolgen kann.

Ich glaube aber, dass mit zunehmenden, gewichtigeren Produkten, also vor allem in der Personenversicherung, wenn wir jetzt an die private Krankenversicherung denken oder wenn wir an die Altersvorsorgekonzeption denken, also wo es um die Gesundheit der gesamten Familie geht, wo es um die Altersvorsorge und um ein Vorsorgekonzept für die gesamte Familie geht, der persönliche Einfluss eines qualifizierten Beraters, dass der bei der Entscheidungsfindung schon sehr, sehr wichtig bleiben wird.

Also es wird ein Beides geben. Aber auch der Berater wiederum könnte sich ja in dem, was er sagt, tut und welche Handlungsempfehlungen er gibt, auch nochmal in KI-basierten Tools rückversichern, wie derzeitig die Meinungsbildung sich in Gänze im Web darstellt. Also es ist ein Kreislauf, der nicht in irgendwelchen Kanälen nebeneinander her funktioniert, sondern es ist ein Kreislauf, wo sich alle Marktteilnehmenden sich wirklich auch der Informationsquellen der künstlichen Intelligenz bedienen werden.

[MarKo Petersohn]

Das hat zwei Themen. Ich glaube, dass man bei dem Kreislauf finde ich ganz gut, weil man schießt ja keine Versicherung ab, um die zu haben. Damit kannst du halt nicht posen.

Kann man nicht abends sagen, ich habe eine Haftpflicht, sage ich super. Aber ich mache das ja für den Schadensfall. Und wenn wir sagen, die KI ist ja beim Abschluss vielleicht unterstützt sich schon ein bisschen.

Wie wird sich denn die Schadensfallbearbeitung 2031, wie wird die sein?

[Paul Stein]

Also sie wird wirklich technisch basierter laufen, weil wir heute dann auch schon sehen in Entwicklungsstadien, dass wir durch Institute in der Forschung, auch in der Schadensbegutachtung den Faktor Mensch teilweise durch bessere Tools ersetzen können. Was meine ich konkret? Also wenn Sie sich gewisse Entwicklungen anschauen, beispielsweise im Wohngebäudebereich, können Sie heute schon sehen, dass es Anbieter gibt, die mit digital unterstützten Kameratechniken eingetretene Schäden sehr treffgenau vor Ort sofort aufnehmen können.

Sie können vom Grunde her auch bemessen, wie stark ist die Beschädigung des Hauses und wie hoch wird die Inanspruchnahme eines oder mehrerer Dienstleister sein. Was wird die Schadenshöhe sein? Was wird das kosten?

Das kann man dann fortsetzen im Prozess in der Leistung von Versicherungsleistungen. Also da wird technisch basiert, glaube ich, sehr, sehr viel passieren und wir sehen heute schon, ich rede jetzt vom eigenen Haus, dass wir in der Lage sind, auch beispielsweise gewisse Veränderungen in der Prognose von Witterungsbedingungen für unsere Kunden aufzugreifen, sie zu warnen und zu sagen, in der Region, wo du wohnst, droht ein Unwetter. Ich formuliere es jetzt mal ein bisschen lax, hole alles rein.

Es könnte heftig werden und wir gehen heute schon hin, dass wir nach dem durchgezogenen Unwetter unseren Kunden fragen, bist du okay? Ist alles in Ordnung? Hast du einen Schaden?

Hier ist ein Tool, das nennt sich One-Click-Schadensmeldung. Du kannst vom Grunde her jetzt schon für uns reaktiv werden, indem wir dir große Bürokratie abnehmen und vom Grunde her sehr schnell in die Regulierung eintreten können.

[MarKo Petersohn]

Alles geht heute schon. Also One-Click-Schadensmeldung klingt ja nach dem Optimalfall, wie sich jeder Kunde oder Versicherungskunde so vorstellt. Funktioniert das auch?

Ich spreche mit verschiedenen Vorständen und dann sagt man so, ja, aber unsere Systeme müssen gerade noch ein bisschen aktualisiert werden. Also das ist wie mit allem.

[Paul Stein]

Der Teufel liegt im Detail. Ich bin ja jetzt kein ITler, aber was ich so mitbekomme, läuft das alles immer parallel. Auch da spielt der Faktor Mensch manchmal auch eine Rolle, weil vom Grunde her, wenn es dann hakt, müssen es Menschen in der Regulierung übernehmen.

Aber wir haben da schon sehr gute Erfolge und wir hangeln uns an dieser Erfolgsstory entlang. Und wer gewisse Entwicklungen in der IT beobachtet, in den Prozessen in der IT beobachtet, sieht, dass die Prozesse über die Jahre hinweg immer besser geworden sind. Und das passiert auch hier vermutlich.

Wir haben immer die Erwartungshaltung, dass irgendwelche Dienstleister kommen, wir eine Steckdose bereitstellen und die dort ankoppeln und sagen, jetzt haben sie einen völlig neuen Prozess und alle sind glücklich und zufrieden. Das ist leider in einem sehr großen, komplexen Unternehmen wie dem unseren oder auch in der Branche in der Regel nicht möglich, sondern wir entwickeln so etwas. In der Regel gibt es dafür spezielle Abteilungen, die sich mit diesen Dingen befassen und dann werden wir immer weiter an der Customer Journey vom Grunde her beziehungsweise an der User Experience schrauben und uns daran orientieren, wie es besser gehen wird.

[MarKo Petersohn]

Man muss ja auch sagen, es ist auch gut vielleicht, dass nicht jemand hinkommen kann, einfach nur ansteckt und sagt, ihr habt einen neuen Prozess. Es sind ja nun mal auch sensible Daten. Wenn da wirklich jemand kommen könnte mit einem einfachen Anklicken, das wäre auch ein bisschen bedenklich für uns alle.

[Paul Stein]

Ja, und auch die Abhängigkeiten. Sie müssen natürlich heute auch sehen, dass nicht sie von irgendwelchen Dienstleistern komplett nur abhängig sind, sondern sie müssen vom Grunde her natürlich sehr heterogen ihre Strukturen aufgebaut haben.

[MarKo Petersohn]

Apropos Dienstleister, das sind wir gerade noch vor ein paar Jahren, vor zehn Jahren, ja wir haben 2025, 2015 mal so Insure-Tags in aller Munde. Und da wurde erzählt, das ist ein Schnellboot, die werden diese alten Tanke überholen und werden alles komplett verändern und so weiter und so fort. Ist nicht passiert.

Glauben Sie, dass Insure-Tags 2031 noch relevant sind?

[Paul Stein]

Vielleicht in Nischen, ja. Ich glaube, dass die Branche unwahrscheinlich gut aufgeholt hat. In vielen Unternehmen sehe ich, dass Innovationskraft entwickelt wird, Inkubatoren da sind.

Also wir haben damals ein DEWIKA Innovation Center gegründet und haben dort neben unseren bisherigen Strukturen Innovationskraft, wenn man so will, intern ausgelagert und haben dort Freiräume zum Denken und Handeln geschaffen. Das sehe ich in ganz, ganz vielen anderen Unternehmen auch. Und ich sehe heute, dass ein Großteil der dort ausgesiedelten oder angesiedelten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder in die originären Strukturen zurückgekommen sind, weil die Innovationskraft im Unternehmen selbst extrem zugenommen hat.

Also wir haben so einen Übergang gehabt, der uns alle ein Stück weit in der Branche unter Druck gesetzt hat, jetzt Gas zu geben, was auch technische Entwicklungen angeht. Und ich glaube, diesen Punkt haben wir überwunden und wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir wirklich in spannenden Themen unterwegs sind. Und das kann ich zumindest mal für unser Haus so bestätigen.

Wir haben ein eigenes KI-Board. Wir sind vom Grunde her wirklich daran interessiert, hier auf Augenhöhe mitzumachen. Ob da in der Vergangenheit die Prognosen immer so gestimmt haben.

Es wird ja immer dann auch oftmals beratergetrieben so trennscharf formuliert und gesagt, wenn Sie jetzt nicht mitmachen, dann werden Sie untergehen. Und wenn Sie jetzt nicht das tun, was wir Ihnen sagen, dann werden ganz furchtbare Zeiten für Sie anbrechen. Das hat man in den Vertrieben schon immer gesagt.

Also man hat damals als die ersten Direktversicherer auf den Markt kam gesagt, das ist der Untergang des personengebundenen Vertriebs. Bis heute vegetieren die Direktversicherer auf niedrigstem Marktanteilsniveau vor sich hin, obwohl sie sich auch entwickelt haben. Es gibt immer noch den größten Anteil Faktor Mensch in der Vermittlung und auch in der Beratung unserer Kunden.

Und das wird sich auch in Zukunft ein Stück weit verändern, aber in der Grundhaltung meines Erachtens jetzt nicht disruptiv darstellen, dass da so ein kalter Schnitt sein wird.

[MarKo Petersohn]

Angst gemacht wurde ja auch vor den Big Techs, also vor Facebook, Google, Amazon und Co.

[Paul Stein]

Wissen Sie, die haben ja vom Grunde her die ganze Regulatorik ja noch nicht erlebt. Also wir sind ja, ich finde das ja auch so spannend, dass man sagt, wenn Amazon zukünftig Versicherungen verkauft, was sagen Sie da Herr Stein? Oder was ist, wenn Google auf die Märkte drängt?

Da tut man ja immer gerade so, als ob dort vom Grunde her das Thema neu erfunden werden würde. Das können die ja tun. Ich unterstelle da ja auch keine mangelnde Innovationskraft, aber ich weiß auch, was in Deutschland und vor allem in Europa an regulatorischen Vorgaben für die deutsche Versicherungsindustrie Gültigkeit haben.

Und ich könnte mir vorstellen, dass ein amerikanisch, aus Amerika stammendes Unternehmen sich das ganz genau angeschaut hat und gesagt hat, da lassen wir lieber mal die Finger davon, sondern werden vielleicht andere Wege gehen.

[MarKo Petersohn]

Haben die auch schon. Google hat eine von beiden Lizenzen beantragt und wieder zurückgezogen. Ich glaube, die haben ja schon ein paar Versuche gestartet.

[Paul Stein]

Keine Ahnung, können sie ja machen. Das Innovativste, was ich bis jetzt gesehen habe, war als neuer Versicherer war Ortonova. Das war im Bereich der Krankenversicherung an Ortonova.

Da haben wir auch eine kleine Kapitalbeteiligung und ich sehe bei Ortonova, auch da hat man ja dann prognostiziert, zukünftig wird also Krankenversicherung nur so stattfinden. Aber ich kann Ihnen sagen, der Weg ist lang. Der Weg ist lang.

Ich gönne jedem seinen Erfolg, aber es ist ja auch wirklich nicht so, dass in der etablierten Versicherungswirtschaft, in den Vorständen und in den verantwortlichen Abteilungen nur Leute von gestern sitzen.

[MarKo Petersohn]

Aber wenn Sie gerade sagen, das ist das Innovativste, was ich gesehen habe. Gibt es sonst irgendwelche innovativen Produkte, die Sie auch meinetwegen so weltweit, wo Sie sagen, in China machen die das über WhatsApp und da geht der Vertrieb ganz anders oder die haben ganz neue Produkte oder irgendwie sowas. Gibt es da was?

[Paul Stein]

Naja, man kann schon sehen, wir haben zum Beispiel eine eigene Cyberversicherung an den Markt gebracht. Die wurde auch sehr positiv im Markt aufgenommen, auch von Wirtschaftsjournalisten. Das erfordert schon, dass man mutig auch Innovationen Raum gibt.

Wenn ich jetzt so weltweit schaue, vom Grunde her konnte man schon fast immer alles versichern. Es war nur eine Frage des Preises und man muss halt einfach mal sehen. Ich glaube, dass sich die gesellschaftlichen Umbrüche eher auf die Produktgestaltung auswirken werden.

Und ich glaube, dass das veränderte Lebensgefühl der Menschen oder die veränderten Lebensumstände der Menschen viel stärkeren Einfluss auswirken werden auf die Anbieter von Versicherungs- und Anlageprodukten. Und dann werden wir sehen, wer da richtig liegt. Und da ist manchmal Genauigkeit und ein bisschen eine globalere Sicht besser als nur ausschnittsweise, so wie ich das im Augenblick in der Altersvorsorge-Debatte erlebe, halte ich für wenig förderlich.

[MarKo Petersohn]

Das ist ein gutes Stichwort. Wir reden ja am 17. November, wie gesagt.

Und jetzt gerade heute in den Nachrichten habe ich mehrfach gehört, dass die CDU sagt, 2032 sollen sie das Rentensystem in Deutschland, muss da irgendwie verändert werden, weil die Jungen das nicht mehr so okay finden. Glauben Sie denn, dass 2031, die Debatte gibt es ja seit Jahren immer wieder, wir müssen das Rentensystem ändern und irgendwas und so weiter. Und da wird immer gesagt, der aktuelle Kanzler hat immer gesagt, nach meiner Kanzlerschaft wird das geändert.

Habe ich zumindest das Gefühl. Glauben Sie, dass 2032 wirklich das geändert wird? Ich weiß nicht, ob es eine Glaubensfrage ist.

[Paul Stein]

Ich denke, dass wir im Moment an einem Punkt sind, wo klar wird, dass es so nicht weitergehen kann. Und das ist im Übrigen jetzt auch nicht, weil ich da besonders schlau bin, sondern vom Grunde her gibt es ja statistische Grundlagen, die vom Grunde her in der Aussagekraft so absolut sind, dass man nicht krampfhaft an dem bestehenden System einfach festhalten kann und kann sagen Augen zu und durch. Ich nenne Ihnen mal zwei Zahlen.

Leider ist es nicht die Zahl 2031, sondern es ist die Zahl im Jahr 2036. Und im Jahr 2036 werden rund 30 Prozent der Erwerbstätigen im Ruhestand sein. Und 2036 ist auch nicht mehr lange.

Also vom Grunde her würde ich dann mal gerne wissen, wie wir 30 Prozent der Erwerbstätigen in nicht einmal zehn Jahren kompensieren wollen. Nun kann man sagen, das hat einen Impact auf gewisse Berufsstände, auf gewisse Fachkräftemangel und, und, und. Das kennen wir alles aus den Sonntagsreden.

Das weiß ich. Aber ich bin ja nun mal jemand, der auch Lebensversicherer ist und auch Vorsorgeprodukte verkauft und Sozialversicherung kompensatorisch Produkte verkauft, die Krankenversicherung und Pflegeversicherung anbietet. Da will ich Ihnen sagen, was machen wir eigentlich dann, wenn 30 Prozent der Menschen, die heute Erwerbstätig sind, keine Beiträge mehr in eine gesetzliche Rentenversicherung zahlen, sondern Rente erhalten?

Oder wenn diese älter und kränker werden und die Sozialversicherungssysteme in Anspruch nehmen? Ich habe manchmal so den Eindruck, das ist ein bisschen wie bei einigen Leuten, wenn sie über die großen Kirchen nachdenken. Da sage ich immer, ich bin kein Mathematiker, aber ich glaube, man weiß ganz genau, wie viele Kinder getauft werden, wie viele in die Kirche eintreten und ich sehe, wie viele jedes Jahr austreten.

Und wenn ich jetzt, trotz dass ich kein Mathematiker bin, kann ich euch ausrechnen, wann das letzte Mal das Licht dort angeknipst wird. Es sei denn, wir verändern etwas. Und diese Studien, die ja vom Statistischen Bundesamt kommen und von der IW-Studie, die in dieselbe Richtung geht, die mit den Babyboomern zu tun hat, wenn diese ins Rentenalter vorrücken, muss zwangsläufig meines Erachtens in eine Diskussion münden, wie wollen wir zukünftig Altersvorsorgesysteme ausgestalten in Deutschland, sowohl gesetzlich als auch privat.

Darum geht es. Eine sehr spannende und eine sehr politisch unpopuläre Debatte, weil Norbert Blüm hat es ja vorgemacht, er hat ein komplexes Thema vereinfacht als Beruhigungspille unters Volk gebracht und hat gesagt, eines ist sicher, die Rente. Er hat aber nicht gesagt, wie hoch wird diese Rente sein.

Und er hat auch nicht gesagt, wie lange wird man diese Rente bekommen und ab wann man diese Rente bekommen wird. Sodass ich sage, diese Einflussfaktoren, die wir heute haben, statistischer Art von der Bevölkerungsentwicklung her, die werden zwangsläufig dazu führen, dass wir neue Produkte und neue Vorsorgeformen sehen werden im Markt.

[MarKo Petersohn]

Aber wird es denn auch den potenziellen Kunden, die Leute, die sich versichern müssen, wird das denen bewusst sein? Ich kann ja sagen, die Rente reicht nicht, aber merken Sie jetzt schon, dass mehr Nachfrage nach so Altersprodukten ist in jüngeren Kohorten? Oder sagen Sie, es hat sich eigentlich auch da nichts geändert in den letzten 20 Jahren?

[Paul Stein]

Also das muss man differenzieren. Fakt ist, wenn wir nicht die Menschen darauf ansprechen, dann passiert deutlich weniger, als wenn sie nicht angesprochen werden. KI hin oder KI her.

Das ist so dieses alte Thema. Ich meine, das Zitat ist nicht von mir. Ich weiß auch nicht, auf wen es zurückgeht, aber so nach dem Motto, kein Mensch wird morgens wach, guckt an die Decke und sagt, ach, heute gönne ich mir mal eine Altersvorsorge.

[MarKo Petersohn]

Auch meine Erfahrung.

[Paul Stein]

Und das ist so dieser Irrglaube oder der Wunschgedanke, den einige in der Politik haben, so nach dem Motto, die Menschen sind frei in ihren Entscheidungen und sie sollen doch bitte selber vorsorgen. Wenn sie merken, dass sie besser hätten vorsorgen sollen, ist es oft zu spät. Also es ist so, dass man vom Grunde her früher ansetzen muss.

Auch da hätte ich Vorschläge, wo es auch einfach darum geht, wo ich sage, warum findet so wenig im Bildungssektor das Thema Finanzwesen statt? Ich kann es bis heute nicht nachvollziehen, dass wir nicht in der Lage sind, nun muss man sagen, Schule und Bildung ist Ländersache, das wissen wir alle, aber dass in den Lehrplänen ab einem gewissen Alter nicht mit den heranwachsenden jungen Menschen inhaltlich sehr stark an diesen Themen gearbeitet wird, wie ist deine Finanzbildungskompetenz. Also wir lernen da noch so ein paar andere Sachen.

Ich will die nicht gegeneinander ausspielen, aber es gibt ja auch noch Themen, die vielleicht nicht mehr so spannend heute und spielentscheidend sind für mein weiteres Leben. Und dann geht es mir darum, dass natürlich auch alle Schlaumeier, die jetzt um die Ecke kommen, sagen, ich habe da Produkte im Markt gesehen, die sind viel einfacher als Versicherungen, da hat man auf dem Handy eine App und das ist auch alles ganz günstig, niedrige Kosten und man kann da eine Trading App nehmen und vom Grunde her ETF. Sie können beim Friseur, wenn es das noch gibt, jede Illustrierte aufschlagen, da steht drin, mach ein ETF.

Jeder spatroniert über irgendwelche ETF und kein Mensch weiß, auch genauso wie die Markt intransparent ist im Versicherungsmarkt, finde ich, kein Mensch erklärt, wer dahinter steckt. Dass da BlackRock dahinter stecken, Amundi, X-Trackers, SPDA und wie sie alle heißen und was das dann auch bedeutet, wo die ihr Kapital bilden werden, nämlich nicht in Europa und nicht in Deutschland. Und deshalb ist es so ein bisschen nur auf einem Auge gut gesehen, da gibt es jetzt was Neues und da kann ich jetzt in der Zukunft meine Altersvorsorge selbst in die Hand nehmen.

Ich sage so einfach wird es nicht gehen und es wird das Problem nicht lösen, das wir auf der Demografieseite haben.

[MarKo Petersohn]

Ich glaube genau, was ich gerade sage, dass man sich das selbst in die Hand nimmt, das machen halt nicht viele und ich weiß auch nicht, ob diese Bildungssache in der Schule helfen würde. Ich habe mal mit Philipp Wenzel, kennt sich im BU ganz gut aus, ist aber auch Lehrer ausgebildeter und der hat mir mal gesagt, als ich auch sagte, Finanzbildung war super, meinte er, ach Marco, das machen halt Lehrerbildung und das ist genau wie jedes andere Fach, das ist halt langweilig. Das wird nicht besser dadurch, dass es nur Schule ist, wird sich glaube ich nichts ändern.

[Paul Stein]

Das mag sein, mag sein, aber das verwirkt natürlich die Chance, die ich darin sehe und ich glaube, wir sollten das ruhig fordern. Es gibt auch vielleicht den ein oder anderen in der Branche, den es nicht so toll findet. Ich finde, da müssen wir ganz genau ansetzen.

Also wenn wir den selbst agierenden, selbstbewussten Bürgerinnen und Bürger haben wollen, die mit Verantwortung übernehmen, auch für ihre Zukunft, nämlich wie und von was sie in Zukunft leben wollen, dann müssen wir sie auch kompetent in die Lage versetzen, wenn es darum geht, richtungsweisende Entscheidungen zu treffen. Also da habe ich überhaupt keine Berührungsängste. Ich komme ja aus dem Vertrieb, mir waren sehr gut gebildete und vorgebildete kompetente Interessenten und Kunden immer lieber, als welche, denen ich vom Urschleim erzählen musste, um was es hier eigentlich geht.

[MarKo Petersohn]

Ja, das definitiv. Es war auch kein Spruch gegen, dass man das machen sollte in der Schule. Er meinte nur, es würde nicht viel helfen, weil sie machen es langweilig.

Deshalb schläfst du auch dabei ein. Also wir haben auch gerade von kompetenten Bürgerinnen gesprochen und das fand ich auch sehr gut, weil wir haben seit ein paar Jahren nicht nur Altersvorsorge, das ist für mich gefühlt ein größeres Thema, sondern insbesondere Altersvorsorge für Frauen mit besonderer Ansprache für Frauen und auch viele Berater, die sich darauf spezialisieren. Glauben Sie, dass es einfach, wir sind ja bei 2031 nochmal, wird es dann immer noch so sein, dass Frauen spezielle Ansprache brauchen oder ist es dann quasi allgemein gut, es läuft alles gleich?

[Paul Stein]

Also Fakt ist ja mal, ich gehe immer von der Ausgangslage aus, Frauen haben deutlich niedrigere Rentenansprüche als Männer. Frauen haben in ihren Lebensbiografien oftmals Phasen, wo Beitragszahlungen unterbrochen werden oder nur vermindert fortgesetzt werden können. Und wir haben nach wie vor in Deutschland neben einer allgemein viel zu hohen Teilzeitquote bei allen Erwerbstätigen einen ganz, ganz überdurchschnittlichen hohen Anteil von Teilzeiterwerbstätigen Frauen.

Und solange sich das vom Lebensgefühl her und auch vom Anspruch der Frauen und Männer sich weiterhin so fortsetzt, dass also solche Themen wie wie viel Arbeit möchte ich, wie viel Arbeitszeit möchte ich aufwenden, solange diese Fragen nicht geklärt sind, werden wir diese Unterschiede nach wie vor sehen. Und dann werden wir auch in der Ansprache von Frauen nach wie vor auch sehen, dass wir hier eine anders angebotene Angebotsstrategie haben müssen als bei Männern. Es wird besser, aber es bleibt dabei.

Ich gehöre ja zu denen mit den unpopulären Forderungen. Ich sage, wir müssen wegkommen von den hohen Teilzeitquoten und wir müssen auch wieder stärker mehr Arbeitszeit aufwenden, wenn wir im Alter vernünftig leben wollen. Und das ist unpopulär, das ist natürlich auch keine politische Forderung, die mehrheitsfähig ist, weil kein Mensch will mehr arbeiten, als er jetzt schon arbeitet.

Aber wir haben sehr schleichend gesehen, dass wir in Europa im europäischen Vergleich in Deutschland deutlich weniger arbeiten als in den anderen Ländern und dass wir eine viel zu hohe Teilzeitquote haben. Und das zählt auf diesen Gender-Gap ein und ich glaube, wir müssen darüber reden, dann werden wir das auch besser hinbekommen.

[MarKo Petersohn]

Okay, aber dann sehen Sie auch, dass es jetzt nicht wie ein Hype ist, wo man sagt, wir müssen Frauenthemen machen, sondern es scheint quasi ein Trend und es bleibt weiterhin so, als würde sich bis 2031 nichts ändern, indem wir müssen Frauen gesondert ansprechen, weil die gesondere Lebensrealitäten haben und Finanzrealitäten haben.

[Paul Stein]

Das ist so. Aber Vorsorge ist immer davon abhängig, Herr Wittersohn, dass im Haushaltseinkommen auch die verfügbaren Mittel da sind, um Vorsorge zu betreiben. Also man ist ja dann schnell in der Debatte und sagt, also die Frauen, die Teilzeit arbeiten und weniger beispielsweise verdienen und damit weniger vorsorgen können und natürlich weniger in die gesetzlichen Rentenversicherungssysteme einzahlen, brauchen staatliche Unterstützung.

Nur das Geld für diese staatliche Unterstützung für einen etwaigen Steuerzuschuss ist ja auch nicht da. Das muss man auch ganz klar sagen. Am Ende aller Tage wird es darum gehen, ich nehme natürlich soziale Härten sehr gerne raus, das muss man sich sehr genau anschauen, zum Beispiel alleinerziehende Frauen.

Das ist ein Thema, dem darf man sich auf gar keinen Fall verschließen, aber ich bin der Meinung, wir müssen eine Debatte über deutlich mehr Arbeit führen, wenn wir am Ende aller Tage hier einen Effekt sehen wollen.

[MarKo Petersohn]

Okay, aber dann müssen wir ja, bei der kommenden Generation ist ja quasi Work-Life-Balance das Hauptthema, dass sie eine Personalentwicklung auch merken oder einen Vertrieb auch mitmerken. Da muss sich ja da ein Mindset-Wandel, keine Ahnung, wie man das genau nennt, aber andere Einstellungen kommen.

[Paul Stein]

Ja, aber ist ja interessant, wo Sie das gerade sagen. Ich frage mich dann schon manchmal, ist in der aktiven Zeit, in der ich Arbeit leisten kann, auch physisch und psychisch ganz gut leisten kann, Work-Life-Balance genauso wichtig wie Work-Life-Balance im Alter? Wie ist es, wenn der Stress dann losgeht, wenn ich merke, dass die Mittel, die zur Verfügung stehen im Alter, nicht mehr zur Verfügung stehen?

Also ich glaube, das ist ein bisschen kurz gesprungen. Also wenn wir über das Thema Work-Life-Balance diskutieren wollen, das tue ich sehr gerne, dann muss man auch hier eine ganzheitliche Betrachtung mit ins Feld führen und kann nicht so tun, als ob mir gerade im Moment danach ist, dass ich sage, der Montag und der Freitag wäre ja auch noch schön, wenn ich da zu Hause bleiben könnte und müsste nicht arbeiten. Ja klar wäre das schön, ist doch gut.

Nur irgendwo müssen unsere Wertschöpfungsketten auch funktionieren und irgendwo muss auch Einkommen erwirtschaftet werden, davon bin ich tief überzeugt.

[MarKo Petersohn]

Aber glauben Sie, es wird sich bis 2031 daran auch was ändern, dass die Realität kommt und man sagt, okay, wir müssen das doch irgendwie verändern?

[Paul Stein]

Naja, ich sage ja immer, Versicherungsschutz darf ja kein Luxusgut werden. Aber wenn Sie äußere Einflussfaktoren sehen, sei das jetzt gesellschaftliche Art oder sei das zum Beispiel, nehmen wir ein anderes Beispiel, Klimawandel. Wenn Sie sehen, dass wir eine massive Zunahme bei Totalschäden im Fahrzeugbereich haben durch Hagelschäden, wenn Sie sehen, dass Preistreiberei und Inflationsentwicklung dazu führen, dass Versicherungsschutz immer am Ende aller Tage teurer wird, dann ist die Frage, wie groß ist der Schmerz am Ende aller Tage, vielleicht auch darüber mal eine Debatte zu führen, zu sagen, wie bekommen wir es hin, dass wir das Thema Work-Life-Balance auch den dann entstandenen neuen äußeren Rahmenbedingungen anpassen. Also, wenn man uns, also meiner Generation und auch den etablierteren, älteren, traditionellen Unternehmen mangelnde Anpassungsfähigkeit unterstellt, dann ist es auch eine Art von Ignoranz, wenn ich der jungen Generation unterstellen würde, sage, ihr seid auch nicht anpassungsfähig, weil ihr lebt nur im hier und im jetzt, nicht alle. Ich bin großer Fan der jungen Generation, das wissen Sie, aber dann diskutiere ich mit denen auch darüber.

Also, ich habe viele hundert Auszubildende hier im Haus, ich stelle mich auch diesen Diskussionen und ich stelle fest, dass wenn man sich da auf Augenhöhe austauscht an der Stelle, sind da sehr vernünftige junge Menschen dabei, die das auch ganz klar erkennen. Also, wir machen es uns ein bisschen einfach, indem wir sagen, naja, die wollen das alle heute nicht, dann schauen wir mal, was passiert. Finde ich schwierig.

[MarKo Petersohn]

Das sehe ich ja auch und ich sehe auch, dass sie, es ist ganz einfach, auf die neue Generation immer darauf hinzuweisen, dass sie ganz schlecht sind, haben schon die Alten so mehrere gemacht, vor 5000 Jahren.

[Paul Stein]

Ja, ja, ganz voll. Ich auch. Also, bei mir war es so, ich gehöre, ich weiß nicht, wie alt Sie sind, aber meine Kinder, weil sie eben gefragt haben, wie alt ich bin und so weiter.

Ich weiß noch, dass bei mir auf der Abi-Abschlussfeier der Schulleiter, und wir sind aus Protest aus dem Saal gegangen, uns übelst beschimpft hat, wir seien die Null-Bock-Generation. Also, hier sitzt einer von der Null-Bock-Generation, der durch harte Arbeit wirklich an seinem beruflichen Weg immer volle Leistung gebracht hat. Ohne da sie jetzt sich selbst zu loben und viele, viele andere hunderttausend Menschen auch.

[MarKo Petersohn]

Wir sind jede Generation, das wird man auch in der jetzigen haben. Das ist einfach sehr schön. Das wäre fast ein schönes Schlusswort mit, hier sitzt einer aus der Null-Bock-Generation.

Ich habe aber noch zwei Fragen zum Schluss. Nämlich, Sie haben ja, seit 1988 sind Sie in der Branche, haben Sie gesagt. Und da war das Fax ja allgegenwärtig und das Fax ist ja so, als wäre es das Zeichen von wie alt die Branche ist.

Deswegen frage ich zum Schluss immer meine Gäste, weil sie glauben, wie viele Faxe werden am 3. Februar 2030 noch in der Versicherungsbranche verschickt? Hoffentlich kein einziges.

[Paul Stein]

Also, ich kann mir nur vorstellen, dass es der öffentliche Dienst sein wird, dass es einzelne Behörden oder wen auch immer geben wird, wo man der Meinung ist, dass es noch ein Fax geben wird. Aber bei uns, glaube ich, in der Breite wird keins mehr verschickt.

[MarKo Petersohn]

Okay. Und die letzte Frage ist immer, was möchten Sie im Zukunfts-Ich sagen, wenn es dieses Gespräch am 9. Juni 2031 nochmal hört?

[Paul Stein]

Also, mein Zukunfts-Ich, dem würde ich sagen, es ist alles gut gegangen. Seid zufrieden, weil ich finde ja, Unzufriedenheit finde ich ja so störend, wenn alle so unzufrieden sind. Aber ich kann das ja auch gut sagen.

Ich möchte wirklich dafür werben, dass man es sich nicht zu leicht macht. Und das würde ich meinem Zukunfts-Ich auch sagen. Du hast es dir nicht immer leicht gemacht.

Und die, die um dich herum waren, die haben es dir auch nicht immer leicht gemacht. Aber am Ende aller Tage schaue ich sehr versöhnlich zurück und bin glücklich und zufrieden.

[MarKo Petersohn]

Sehr schön. Das ist auch noch ein noch schöneres Schlusswort, würde ich sagen. Danke für das Gespräch, Herr Stein.

Hat mir viel Spaß gemacht. Dankeschön. Vielen Dank und viele Grüße aus Leipzig.

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